Risse im Dschihad

Rid, T. (2011) "Risse im Dschihad" Internationale Politik 66/1 Januar-Februar, p. 10-19.

The article was republished online with a new introduction after Bin Laden’s death on 2 May 2011.

Osama Bin Laden ist tot. Bedeutet das den Sieg im Kampf gegen den Terrorismus, womöglich das Ende der Dschihad-Bewegung? Nein. Der Heilige Krieg wird wohl noch unübersichtlicher. Das könnte seine Eindämmung erschweren.

Osama Bin Ladens Tod ist ein herber Rückschlag für Al-Kaida und die breitere Dschihad-Bewegung, psychologisch wie organisatorisch. Das Timing der amerikanischen verdeckten Operation im pakistanischen Abbottabad ist dabei ein zusätzliches Problem für die Gotteskrieger: Erst die arabischen Frühjahrsrevolten, bei denen Al-Kaida durch Abwesenheit glänzte, und jetzt das Ende ihrer Gallionsfigur. Zudem mussten die extremsten Taliban im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet in den vergangenen Monaten weitere Rückschläge einstecken.

Doch ist Vorsicht geboten. Jetzt könnte die Gefahr wachsen, dass Terroristen, mit dem Rücken zur Wand, verzweifelten Tatendrang entwickeln. Auch könnten sie das revolutionäre Chaos in einigen Ländern ausnutzen, etwa im Jemen. Pakistan bleibt in höchstem Maße instabil. Die Identitätskrise in muslimischen Diaspora-Gemeinden bleibt akut, gerade in den USA. Der globale Dschihad wird sich weiterhin in drei Strömungen aufspalten.

Da sind zum einen lokal agierende islamische Aufständische, die sich aus dem Unmut über den autoritären Führungsstil, die Korruption oder die Zusammenarbeit angeblich „abtrünniger“ arabischer Regime mit „ungläubigen“ äußeren Mächten rekrutieren. Aus Sicht mancher Extremisten ist eine Hinwendung zur Demokratie nur ein anderes Übel. Die zweite Strömung formiert sich aus einem mit organisiertem Verbrechen kombinierten Terrorismus, der vor allem in Afghanistan und Indonesien, aber auch in Europa zu beobachten ist und der sich unter anderem durch Drogenhandel und Erpressung finanziert. Die Mitglieder der dritten Strömung lassen sich schwerer als einheitliche Gruppe definieren. Es handelt sich dabei vornehmlich um junge Muslime, die in der zweiten oder dritten Generation in der Diaspora leben und sich in einem anhaltenden Zustand des Heiligen Krieges wähnen. Deren Motivation zum Kampf speist sich aus ihrer eigenen Unzufriedenheit, die sich auf eine Vielzahl von Gründen zurückführen lässt. Für die Al-Kaida-Führung heißt das zweierlei: Die Legitimität eines radikalen Islamismus nimmt in den Augen des „Mainstream“ der Muslime ab, und die Ränder der militanten Bewegung fransen aus.

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The Nineteenth Century Origins of Counterinsurgency Doctrine

Rid, T. (2010) "The Nineteenth Century Origins of Counterinsurgency Doctrine" The Journal of Strategic Studies 33/5 October, p. 727-758.

Counterinsurgency is a military activity centered on civilians. The counterinsurgent competes against the insurgent for the trust and the support of the uncommitted, civilian population. These assumptions have become a core conceptual foundation of today’s counterinsurgency debate and doctrine. The publication of a much-discussed US manual in December 2006, so-called FM 3-24 Counterinsurgency, prepared the ground for a fundamental reorientation of the use and the utility of force. Then, in 2008, the United States Army updated its most elemental capstone doctrine, Field Manual 3-0 Operations. It recognized and consolidated a ‘revolutionary departure from past doctrine’, its foreword announced. Modern wars are ‘increasingly fought ‘‘among the people’’’, General William Wallace wrote there. In more detail:

Previously, we sought to separate people from the battlefield so that we could engage and destroy enemies and seize terrain. While we recognize our enduring requirement to fight and win, we also recognize that people are frequently part of the terrain and their support is a principal determinant of success in future conflicts

Wallace’s carefully pronounced ‘previously’ hints at a historical trend that is as old as modern, industrial-age armies: the professionalization of military organizations, so succinctly described in Samuel Huntington’s The Soldier and the State. Officers became specialists in planning, equipping, training, and using industrial force to fight one another. The battlefield, in Winston Churchill’s words, turned into ‘a common professional meeting ground between military men’. Political affairs, be it in capitals or in theater, ceased to be the prerogative of officers who were trained as apolitical experts in the ‘management of violence’, not public administration. Against this background, the current shift appears remarkable and perhaps indeed revolutionary. So it is highly desirable to better understand the emergence of the military focus on the civilian population in theater. What are the roots of population-centric operations?

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